
von Harald Kautz-Vella
Ich möchte an dieser Stelle exemplarisch etwas über Niger erzählen – Algeriens Nachbar im Süden. Das Blut, das in Afrika fließt sieht überall gleich aus. Und auch die Geschichten drum herum ähneln sich. Eine umfassende Geschichte Afrikas schreiben zu wollen würde hier ohnehin den Rahmen sprengen.
Zudem ähneln die ökologischen Probleme in Niger denen, mit denen Familie Abdellaziz in Südalgerien konfrontiert war: Dürre in Folge der radioaktiven Verseuchung durch Atombombentests und Uranbergbau. Ein Umweltphänomen das seinen stärksten Ausdruck in den drückenden Tiefdruck-DOR-Wolken findet.
Von 1890 bis ins frühe 20. Jahrhundert von Frankreich kolonialisiert, wurde Niger 1958 zur autonomen Republik innerhalb der französischen Territorien erklärt. Zwei Jahre später bildete sich die erste unabhängige Regierung. Nach Militärdiktaturen und instabilen Republiken hat sich heute eine semi-präsidentielle Demokratie in der Hauptstadt Niamey etabliert, die aber kaum in der Lage ist, die grundlegenden Bedürfnisse der Bevölkerung zu sichern. Dürre und fortschreitende Wüstenbildung schwächen die anfällige Landwirtschaft. Nach Angaben von Transparency International lassen vor allem Korruption, Amtsmissbrauch und die Veruntreuung internationaler Hilfen immer wieder die Bewohner der abgelegenen ländlichen Gebiete an den Rand des Hungertods rutschen.
Die Republik Niger gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Hauptprobleme sind die Wasserknappheit, der Zerstörung des ohnehin raren fruchtbaren Bodens sowie die daraus folgenden Hungersnöte – die sich im wesentlichen in einer hohen Kindersterblichkeit ausdrückt – verstärkt in den Wüstenregionen im Norden, die zwei Drittel der Landesfläche ausmachen. Die Nomadenstämme, zu denen auch die Tuareg gehören, müssen zunehmend um das eigene Überleben und das ihrer Viehherden kämpfen. Zu den gewohnten Widrigkeiten des Nomadentums wie Dürren und Heuschreckenplagen kommt heute der sogenannte »low-level Krieg«, der die Bevölkerung des Niger in ihrer Existenz bedroht.
Niger ist damit ein typisch afrikanisches Land – devide et impera, teile und herrsche. Man nehme zwei Volksgruppen in dem traditionell von Stammesstrukturen geprägten Kontinent und pferche sie in einem künstlich geschaffenen Nationalstaat westlicher Prägung zusammen. Dumm, dass es nur einen Präsidenten geben kann. In diesem Fall sind es die Haussa, Bauern im Süden, und die Tuareg, die Nomaden im Norden, die um die Vorherrschaft kämpfen. Der lachende dritte sind die Franzosen, in diesem Fall der französische Staatskonzern AREVA, der in Niger 2/3 des weltweit abgebauten Urans schürft, und sich dafür mit jährlich ein paar Millionen Dollar bei der Regierung bedankt. Diese wird von den Haussa gestellt, abgebaut wird das Uran im Norden bei den Nomaden. Die Befriedung der Minengebiete ist natürlich nicht billig, d.h. ein Großteil oder mehr dürfte für Waffenkäufe zurück nach Frankreich fließen. Schließlich befinden sich die Tuareg inzwischen im offenen Aufstand, die Straßen sind vermint, die Wüste außer Kontrolle und zum Operationsgebiet amerikanischer Terroristenjäger avanciert.
Wild und frei waren diese Stämme schon immer. Seit dem 14. Jahrhundert ziehen die Nomadenstämme des Niger, die Woodabe, Peuhl und Tuareg, mit ihren Herden durch die Ténéré. Da nur kleine Flächen zwischen den weiten Wüstenlandschaften als Weideland zu nutzen sind, durchwandern sie in ihrem Jahreszyklus weite Landstriche. Dabei die angestammten Weidegründe mit ihren Brunnen und Oasen aufsuchen zu können ist lebensnotwendig.
Mit ihren großen Kamelherden waren die Tuareg über Generationen die Spediteure der Wüste. Ihre Kamelherden sicherten den innerafrikanischen Handel, brachten Salz von der Küste, Elfenbein aus Zentralafrika. Man tauschte Fleisch gegen Hirse, das Grundnahrungsmittel der Nomaden, mit den Stämmen im Süden. Manche Stämme machten sich das Leben etwas einfacher und lebten als Räuber und Wegelagerer, beraubten die durchziehenden Karawanen oder metzelten sie nieder – nur um nicht in Verdacht zu fallen etwas romantisieren zu wollen. Mit dem Einzug der Lkw‘s ins innerafrikanische Transportwesen in den 50er und 60er Jahren wurden die Kamelherden überflüssig, die Tuareg verloren den wichtigsten Wirtschaftszweig. In den 70er Jahren kam dann der Uranbergbau. Der Staub von den Abraumhalden wehte über das Land, verseuchte die Brunnen und brachte die Atmosphäre in diesen unwirklichen Zustand, den man DOR nennt. Der keinen Regen kennt. Das war der Beginn der Dürre in der Sahelzone. In Niger mußten 80 Prozent der Herden notgeschlachtet werden, oder sie verreckten auf den ausgedorrten Ebenen.
Durch ein Zusammenwirken kann man die Grundlagen zu einer weiträumigen Wiederbelebung der Natur schaffen – auch in Gebieten, wo die natürlichen Lebensgrundlagen weitgehend zusammengebrochen sind: in Wüsten. Ich fühle mich daher für das Wohl der Menschen und der Umwelt verantwortlich.
"Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen"
(Antoine de St-Exupery )
![]()
Impressum | Kontakt
| Team
Copyright 2011 All rights reserved to Desert Greening